Sublime of Change Vanguard Life and Leadership Counseling The sublime Art of Inspiration and Match
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Mensch - Masse - Macht - Wald - von Elias Canetti

 

Wald

 

Der Wald ist über dem Menschen. Er mag verschlossen sein und mit allerhand Gestrüpp verwachsen; man mag Mühe haben,

in ihn hineinzugelangen, und noch mehr, in ihm fortzukommen.

Aber seine eigentliche Dichte, das, was ihn wirklich ausmacht,

sein Laub, ist oben. Es ist das Laub der einzelnen Stämme,

das ineinandergreift und ein zusammenhängendes Dach bildet,

es ist das Laub, das so viel vom Lichte abhält und den großen, gemeinsamen Waldschatten wirft.

Der Mensch, der aufrecht ist wie ein Baum, reiht sich den anderen Bäumen ein. Aber sie sind viel größer als er, und er muß zu ihnen aufschauen. Es gibt kein anderes natürliches Phänomen seiner Umgebung, das so beständig über ihm ist und zugleich so nahe und so vielfach.

Denn Wolken ziehen weiter, Regen versickert und die Sterne sind weit. Von all diesen Phänomenen, die in ihrer Vielfalt von oben her wirken, eignet keinem die immerwährende Nähe des Waldes.

Die Höhe der Bäume ist erreichbar; man erklettert sie, man holt Früchte herunter; man hat oben gelebt. Die Richtung, in die er die Augen des Menschen zieht, ist die seiner eigenen Veränderung:

Der Wald wächst stetig nach oben weiter. Die Gleichheit der Stämme ist eine ungefähre, auch sie ist eigentlich eine Gleichheit der Richtung. Wer einmal im Walde ist, fühlt sich geborgen;

er ist nicht an seiner Spitze, wo er weiterwächst, auch nicht am Orte seiner größten Dichte. Eben diese Dichte ist sein Schutz, und der Schutz ist oben.

So ist der Wald zum Vorbild der Andacht geworden. Er zwingt den Menschen aufzuschauen, dankbar für seinen überlegenen Schutz. Das Hinaufschauen an vielen Stämmen wird zu einem Aufschauen überhaupt. Der Wald baut dem Kirchengefühl vor, dem Stehen vor Gott unter Säulen und Pfeilern. Sein gleichmäßigster und darum vollkommenster Ausdruck ist die Wölbung des Doms, alle Stämme in eine höchste und untrennbare Einheit verflochten.

Ein anderer und nicht weniger wichtiger Aspekt des Waldes ist seine vielfache Unverrückbarkeit. Jeder einzelne Stamm ist festgewurzelt und gibt keiner Drohung von außen nach.

Sein Widerstand ist absolut, er weicht nicht von der Stelle. Er kann gefällt, aber nicht verrückt werden. So ist er zum Symbol des Heeres geworden: ein Heer in Aufstellung, ein Heer, das unter keinen Umständen flieht; das sich bis zum letzten Mann in Stücke hauen läßt, bevor es einen Fußbreit Boden aufgibt.

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© Christiane Klappert

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