Sublime of Change Vanguard Life and Leadership Counseling The sublime Art of Inspiration and Match
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Wohin Herr Berge unterwegs war und warum

 

Hungersnöte nannte man das bei Herrenabenden, was Herr Berge nun ertrug. Notwendigerweise hatte er eine Soutane getragen und war heute umhergeirrt in den gediegensten Wohngebieten. In seinen begeisterten Träumereien hatte er eine Antwort ebenso wenig erworben wie die anderen Treuhänder in ihrem Wandertrieb. Bis ans Endgehäuse waren sie herangegangen und hatten geradenwegs sogar das Geringste wahrgenommen. Gedrungene Erdbewohner waren sie, ohne Sorge um Stornierung ihrer Serienwagen oder anderen Bordeigentums. Sie trugen Seidengarne und Hörgeräte für ihre Werbedienste, die sie in gewohnter Weise einstreuten. Beitragserhöhungen taten das Übrige im Währungsgebiet. Sie stöberten herum in Besonderheiten und gerieten so, hier und da, an Sonderabnehmer. Die wurden im Inseratenbüro geständig und überstiegen ihre mehrdeutigen Hintergründe nie.

 

Eines Tages hatte Herr Berge genug. Günstige Umstände steuerten gute Ideen bei und so ging er mit Anstand und ohne Gruß. Angebote wie Mitherausgeber einer Weinbranddomäne werden standen ins Haus oder drahtige Regierungsbeamte aus morastigem Sauerteig entwöhnen. Das Unbehagen ragte ihm über den Dreitagebart hinaus bis an die Stirnwand.  Was war in ihn geraten? Herr Berge rieb  erst das eine, dann das andere Auge und bog an der nächsten Straße ab. Wehmut beruhigte sein Ärgernis und neue Wege wurden ihm ausgehändigt. Nun tobte es erneut in ihm wie tausend bunte Sterne in einer verschrotteten Miniatureisenbahn. Niemand hatte ihm gesagt oder anderswie wissen gemacht, dass Entsagungen so wehtaten und Entbehrungen wie böse Narben an seinen Armbeugen nagten. Er war ein Nomade, das wusste er heute und hatte es immer gewusst. Wie die durstigen Männer am Niger, die dem Stamm der Bororo angehörten, war er ein Wüstensohn und wie ihnen erging es ihm nun in seiner Sorge um die Angehörigen, die Umherreisenden, die ohne Rast einen Daseinsraum herbeisehnten; einen Ort, an dem sie der brennenden Sonne entgingen. Ein Dasein im Schatten gütiger Götter.

 

Warum war Herr Berge unterwegs und wohin? Wieso hatte er seine Herde mit einhundert durstigen Rindern heute an den einen, morgen an den anderen Brunnen treiben müssen und nirgends gab es Wasser? Nur Hunger gab es, Hunger und Durst, Warten und Dürre, Berge und Wüste und wütende Stürme und Sand. Während er so wanderte, begegnete er neuen Ideen, die wie wundersame Überstunden sein müdes Hirn umströmten. Dort im Gehäuseboden hatten sie genistet wie in Treibhäusern beneidenswerter Erhabenheit und trieben nun aus, was ihnen in siebenhundert Tagen engagierten Müßiggangs in die Wiege gegeben war. Herr Berge beugte sein ungehorsames Wohngebäude im Gestus ungereimter Börsengänge; müde waren seine Herdentiere wie am Erbauungstag der niedergegangenen Drahtweberei. Eine Handbewegung bedeutete ihm, dass die Not unter den Trauerweiden nunmehr ein Ende habe. Wieder rieb er erst das eine, dann das andere Auge und heute sogar die Nase darunter.

 

Seither sah man ihn oft in Geranienbeeten Erdbeeren und Weintrauben essen und ohne Höhenangst und Gegenwind die Regenbogen der grasgrünen Oase genießen. Mitunter sah man ihn sogar seine Soutane wieder tragen, deren Grundton immer häufiger geräumig und weniger bohrend war. Weingärten wurden nun sein Wandergebiet und die Sommerabende borgten ihre Winterschatten, wenn seine Wege dorthin einmündeten,

wo sonst nur der Morgenstern dem Meeresstrand begegnet.

 

anagrammatische Prosa von Christiane Klappert

Le Chateau Frontenac, Québec, 2002

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© Christiane Klappert