Regen
Überall, und besonders dort, wo er selten ist, wird der Regen, bevor er fällt, als Einheit empfunden. Als Wolke zieht er heran und bedeckt erst den Himmel, es wird dunkel, bevor es regnet, alles hüllt sich in Grau. Von jenem Augenblick, da der Regen sicher erscheint, hat man vielleicht ein einheitlicheres Bewußtsein als vom Vorgang selbst. Denn man wünscht ihn oft sehr herbei, es kann zur Lebensfrage werden, daß Regen fällt. Er läßt sich nicht immer leicht erbitten, und mit Zaubern hilft man nach; es gibt zahlreiche und recht verschiedenartige Methoden, ihn anzulocken.
Der Regen fällt in vielen Tropfen. Man sieht sie und man sieht ganz besonders ihre Richtung. In allen Sprachen spricht man davon,
daß er fällt. Man sieht den Regen in vielen parallelen Strichen, durch die Zahl der fallenden Tropfen wird die Einheit ihrer Richtung betont. Es gibt keine Richtung, die dem Menschen mehr Eindruck macht als die des Falles; alle anderen haben, damit verglichen, etwas Abgeleitetes, Sekundäres. Der Fall ist, was man von frühauf am meisten fürchtet und wogegen man im Leben zuerst gewappnet wird. Man lernt, sich davor zu hüten; ein Versagen hier ist von einem gewissen Alter ab lächerlich oder gefährlich.
Der Regen ist, im Gegensatz zum Menschen, das, was fallen soll. Nichts fällt so häufig und vielfach wie der Regen. Es ist möglich, daß die Zahl der Tropfen dem Fall ein weniges von seiner Schwere und Härte nehmen. Man hört sie aufschlagen, es ist ein angenehmes Geräusch. Man fühlt sie auf der Haut, es ist ein angenehmes Gefühl. Vielleicht ist es nicht unwichtig, daß zumindest drei Sinne am Erleben des Regens beteiligt sind: Gesicht, Gehör und Gefühl. Alle diese Sinne nehmen ihn als Vielfalt auf. Es ist leicht, sich vor ihm zu schützen. Er ist selten wirklich bedrohlich und faßt den Menschen meist auf eine wohltuend dichte Weise ein.
Man empfindet den Aufschlag der Tropfen als gleichartig.
Das Parallele der Striche, die Ähnlichkeit des Geräusches, dasselbe Gefühl der Nässe, das jeder Tropfen auf der Haut hervorruft – alles ist dazu angetan, die Gleichheit der Tropfen zu betonen.
Der Regen kann heftiger oder leichter werden, seine Dichte wechselt. Die Zahl seiner Tropfen ist großen Schwankungen unterworfen. Es ist keineswegs so, daß man mit seiner kontinuierlichen Zunahme rechnet; man weiß im Gegenteil, daß er ein Ende hat, und dieses Ende bedeutet, daß seine Tropfen spurlos in der Erde versickern.
Soweit der Regen zum Massensymbol geworden ist, bezeichnet er nicht die Phase rasender und unbeirrbarer Zunahme, für die das Feuer steht. Er hat nichts von der Konstanz und nur manchmal etwas von der Unerschöpflichkeit des Meeres. Der Regen ist die Masse im Augenblick ihrer Entladung, und er bezeichnet auch ihren Zerfall. Die Wolken, denen er entstammt, geben sich im Regen auf; die Tropfen fallen, weil sie nicht mehr beisammenbleiben können, und es ist noch unklar, ob und wie sie später wieder zueinanderfinden werden.
Masse und Macht von Elias Canetti, seinem Hauptwerk zum
Verständnis unseres Zeitalters in wesentlichen Zusammenhängen
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